"Wir müssen neu teilen lernen"

Oberberg-Aktuell-Artikel über den Besuch von Bundesminister Müller in Engelskirchen

CSU-Bundesminister Gerd Müller beeindruckte bei seinem Besuch in Engelskirchen mit einer schonungslos offenen und die Augen öffnenden Rede über Hunger, Ausbeutung und die Inkonsequenz der Wohlstands-Welt.

So mancher Gast rieb sich im Engelskirchener Hammerwerk die Augen. Wer hatte da gerade einen einstündigen dringenden Appell und eine flammende Rede zum Thema Gerechtigkeit in der Welt gehalten? War das wirklich ein Mitglied der Bundesregierung, dazu noch ein Vertreter dieser bayerischen Partei, die monatelang größte Bedenken an der Flüchtlingspolitik im speziellen und an der Kanzlerin im allgemeinen geübt hatte? Aber Dr. Gerd Müller, der CSU-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, präsentierte sich so ganz anders als viele erwartet hatten. Seine Sache war nicht die geschliffene Rede, nicht die Rhetorik, aber er stand für eine Tugend, die manchem im Politikbetrieb abhanden gekommen ist. Müller war absolut authentisch.

 

[Dr. Gerd Müller hielt in Engelskirchen ein flammendes Plädoyer für eine gerechtere Welt.]

 

Nachmittags hatte er noch voller Anerkennung die Engelskirchener Lichtbrücke besucht, abends betätigte er sich bei den versammelten Christdemokraten und Gästen als Augenöffner. Mit schonungsloser Offenheit konfrontierte er, mahnte und schimpfte. "Hunger ist ein Skandal", sagt Müller, eine Schande für die, die auf der Sonnenseite des Lebens zu Hause sind. Vor allem, weil es nicht sein müsste. Mit entsprechenden Investitionen in Innovationen könne man Ernteerträge durch robustere Pflanzen verdreifachen. Jeden Tag sterben zehntausende Kinder an Hunger. "Und wir schauen zu, einfach so", sagt der CSU-Mann und man spürt, dass ihn das bewegt. In Neu Delhi hatte ihn eines der hunderttausenden Straßenkinder am Hosenbein gezogen und gefragt, ob es nicht mit ihm nach Deutschland kommen könne. Da hatte Müller schlucken müssen. Doch mit einem Symbol könne man nicht die Welt retten. Mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln schon. Mit 300 € im Jahr sichert man ein Menschenleben, mit 5.000 € baut sich eine Familie ein Haus.

 

 

Die Wucht der Zahlen ließ die CDU-Gäste nicht unbeeindruckt. Jeden Tag werden 250.000 Kinder geboren, 80 Millionen im Jahr. Jedes Jahr die deutsche Bevölkerung zusätzlich auf der Erde. In 30 Jahren wird sich Afrika verdoppelt haben. Wenn alles so bliebe wie derzeit, auch beim Energieverbrauch, "dann fahren wir diesen Planeten an die Wand", ist Müller überzeugt. Und niemand dürfe annehmen, so der Minister, dass die eklatanten Unterschiede zwischen den Wohlstandsstaaten und der Armut in vielen Teilen der Welt von letzteren auf Dauer hingenommen würden. Die digitale Vernetzung habe alles verändert. Auch in den Elendsvierteln der asiatischen und afrikanischen Großstädte wie auch in den entlegensten Winkeln gebe es Handys, auf denen die Menschen sehen könnten, in welchem Luxus etwa Europa lebe.

 

[Freuten sich über den prominenten Gast: Landrat Jochen Hagt (li.) und CDU-Kreisvorsitzender Dr. Carsten Brodesser.]

 

"Wir müssen neu teilen lernen", sagt Müller, der von Oberbergs CDU-Chef Dr. Carsten Brodesser begrüßt worden war, unter dem Beifall der Anwesenden. Sieben Dollar koste die Erstellung einer Jeans in Kambodscha in Fabriken, in denen 8.000 Frauen tätig seien. In Deutschland würden diese Hosen für 100 Dollar verkauft. Würde nur ein Dollar mehr für die Produktion ausgegeben und der Betrag dann den Frauen weitergegeben, könnten sie Medikamente kaufen und ihre Kinder zur Schule schicken. Deshalb empfiehlt Müller beim Textillkauf: "Fragen sie, woher das Kleidungsstück stammt und ob es fair gehandelt wurde."

 

[Der Gast aus Berlin erhielt einen Engel aus Engelskirchen.]

 

"Ausbeutung ist inakzeptabel, der Markt braucht Grenzen." Würde man die Augen schließen, man wüsste nicht, ob Gerd Müller oder nicht doch schon Oskar Lafontaine am Rednerpult steht. Aber bei der unglaublichen Armut und den Schicksalen, die Müller beinahe jede Woche zu sehen bekommt, zerfließen Parteigrenzen. "Ich wüsste nicht, ob ich heute vielleicht nicht auch einer seiner Jünger wäre", sagt der CSU-Minister, als er auf Friedrich Engels zu sprechen kommt. Die entwickelte Welt handele bei der Bekämpfung von Hunger und Elend unter ihren Möglichkeiten und werde ihrer Verantwortung nicht gerecht. "Wenn wir nicht mehr investieren, werden wir einen hohen Preis bezahlen", glaubt Müller. Viele wollten ihre Heimat gar nicht verlassen und es sei viel vernünftiger, vor Ort zu handeln, statt auf die nächste Flüchtlingswelle zu warten. Auf 30 Milliarden Euro würden die Ausgaben beziffert, die allein Deutschland zur Integration der Flüchtlinge aufbringen müsse. "Geben sie mir zehn Milliarden und wir können so unendlich viel vor Ort bewegen" sagt Müller und weiß doch, dass dieser Wunsch nicht auf entsprechendes Gehör stößt. "Ich rede in Berlin manchmal gegen Wände."

 



Originalartikel bei Oberberg Aktuell (Bernd Vorländer) unter http://www.oberberg-aktuell.de/index.php?id=70&tx_ttnews[tt_news]=181219&cHash=8411dd51c7